Genug ist genug

Messer

Timo riss seine Tochter zur Seite.

„Man, pass doch auf! Das ist ein Gehweg. Idiot!“
„Aua, Papa. Das tut weh.“
„Tut mir leid, mein Schatz. Ich musste dich so ziehen, sonst hätte der Idiot uns umgefahren.“

Seit über einem Jahr gingen sie diesen Weg zu Neles Kindergarten. Die Auffahrt zur Tankstelle führte direkt über den Gehweg. Timo nahm seine Tochter immer noch an die Hand, wenn sie hier entlanggingen. Zu häufig hatte er schon Autofahrer gesehen, die keine Rücksicht nahmen oder einfach nicht richtig guckten, bevor sie auf die Tankstelle fuhren. Auch wenn Timo seine Tochter zur Selbstständigkeit erziehen wollte, so war er an dieser Stelle doch vorsichtig.
Hinter ihm hupte es. Er drehte sich noch einmal um. Der Fahrer des BMW, der sie gerade fast umgefahren hätte, war ausgestiegen. Hinter ihm staute es sich, weswegen die Leute hupten. Der Mann kam auf sie zu.

„Was ist dein Problem?“, rief er schon aus einigen Metern Entfernung.
„Das ist ein Bürgersteig, hier laufen Kinder. Passen Sie demnächst besser auf, sonst fahren Sie noch jemanden um.“
„Du sagst mir nicht, wie ich zu fahren habe.“
Timo war erstaunt ob der Aggressivität des Mannes. „Machen Sie einfach die Augen auf, dann passiert keinem was.“
„Wenn du mich noch einmal dumm anquatschst, passiert dir was. Hast du mich verstanden?“
Timo spürte, wie er einen Klumpen im Magen bekam. Er war ein friedlicher Mensch, solche Drohungen waren ihm fremd. Instinktiv wich er ein Stück zurück.
„Auch Sie müssen sich an die Straßenregeln halten“, gab er eine halbherzige Antwort.
„Ich mache hier die Regeln. Merk dir das!“ Der Fremde stieß ihm seinen Zeigefinger in die Brust. „Auch zum Wohle deiner Tochter.“
Timo erstarrte. Dann drehte er sich ruckartig um und ging mit Nele weiter. Als er sich noch einmal umsah, schaute ihnen der Fremde immer noch nach. Das Hupkonzert im Hintergrund schien ihn nicht zu interessieren.

„Mama, heute Morgen haben wir einen ganz doofen Autofahrer getroffen.“ Nele sah ihre Mutter Susanne an. „Der hat Papa angeschrien.“
Susanne sah zu ihrem Mann, der gerade am Herd stand und Spaghetti kochte.
„Du wurdest angeschrien?“
„Ja, das war schon komisch. Oben an der Tankstelle ist so ein Typ mal wieder über den Bürgersteig gefahren, ohne vorher zu gucken. Da hab ich ihm zugerufen, er solle besser aufpassen. Ich hab mir nichts weiter dabei gedacht und wir sind weitergegangen. Der Typ aber ist ausgestiegen und zu uns gerannt. Dann hat er mich angeschrien. Und gedroht, ich solle den Mund halten, sonst würde er mir oder Nele etwas antun.“
Susanne sah ihn fassungslos an. „Was? Und was hast du gemacht?“
„Ich hab ihm gesagt, er soll besser aufpassen, wo er langfährt. Dann sind wir weiter zum Kindergarten gegangen.“
„Hast du dir sein Nummernschild notiert? Solche Menschen muss man anzeigen.“
„Nein, das habe ich nicht gesehen. Sein Auto stand zu schräg dafür.“
„Wahnsinn, was sich einige Leute rausnehmen. Was war das für ein Typ?“
„Der war Durchschnitt. Nicht besonders groß, vielleicht 1,85 Meter. Nicht gerade schlank, aber auch nicht fett. Nichts Auffälliges sonst. Nur seine aggressive Art war ungewöhnlich.“
„Dann schau mal, ob du ihn noch mal wiedersiehst. Und schreib dir das Nummernschild auf. Den zeigen wir an. Der spinnt doch wohl, uns zu drohen.“
Timo nickte. Insgeheim war er sich aber nicht sicher, ob es eine so gute Idee war, den Mann mit einer Anzeige zu provozieren. Er hatte Susanne nicht angelogen, der Typ war deutscher Durchschnitt gewesen. Ein Detail an ihm aber war anders gewesen: sein Blick. Ein Blick, der es gewohnt war, dass Leute unter ihm einknickten. Gepaart mit Aggressivität. Timo hatte kein gutes Gefühl, noch einmal die Konfrontation mit dem Kerl zu suchen. Das behielt er aber für sich.

Zwei Wochen später brachte Susanne Nele in den Kindergarten. Nele war vergnügt, denn heute wollte sie mit zum Turnen gehen. Das war immer ihr Highlight der Woche, denn dort konnte sie an den Seilen klettern und über die Matten springen. Wieder gingen sie an der Tankstelle vorbei.
„Du, Mama. Da ist das Auto wieder.“
„Welches Auto?“
„Das von dem Mann, der Papa angeschrien hat.“
Susanne sah sich um. „Welches denn mein Schatz?“
„Das große Blaue da hinten.“
„Bist du sicher?“
„Ganz sicher. Guck mal, der Mann schaut auch wieder so böse.“
Susanne sah zu dem blauen Wagen hinüber und notierte sich in Gedanken das Nummernschild. Sie würde gleich zu Hause die Polizei anrufen und den Mann anzeigen. So etwas ließ sie sich nicht bieten. Timo war da anders, zurückhaltender. Aber Mütter hatten einen stärkeren Schutzinstinkt, hatte sie gelesen.

Eine Woche später kam die Rückmeldung der Polizei. Der Halter des Wagens war ausfindig gemacht, bestritt aber, irgendjemanden bedroht zu haben. Sie erzählte Timo davon.
„Du hast was gemacht?“
„Ich habe ihn angezeigt.“
„Ohne mit mir darüber zu sprechen?“
„Ich wollte ja, aber dann war ich so wütend, dass ich es wohl vergessen habe.“
„Susanne, das kann doch nicht dein Ernst sein.“
„Jetzt ist es zu spät. Du wirst ihn identifizieren müssen, sonst kommt er davon.“
„Dann kommt er halt davon. Er hat uns ja nichts getan. Noch nicht. Keine Ahnung, was passiert, wenn man so jemanden provoziert.“
„Also willst du nichts unternehmen?“
„Richtig. Ich werde nichts machen. Und du rufst bei der Polizei an und nimmst die Anzeige zurück.“
„Du bist so ein verdammter Feigling!“ Mit diesen Worten ging sie aus dem Wohnzimmer und schlug die Tür hinter sich zu.
Timo blieb ratlos zurück.

„Papa, da ist der Mann wieder.“
Timo zuckte zusammen. Er hatte den Mann auch gesehen. Diesmal war er nicht quer über den Bürgersteig gefahren, er hatte einfach darauf geparkt.
„So, du wolltest mich also anzeigen. Wegen Bedrohung.“
Lässig lehnte der Mann an seinem Auto, die Arme vor dem Brustkorb verschränkt.
„Ich habe nichts gemacht“, sagte Timo. Fast hätte er hinzugefügt, es sei seine Frau gewesen. Das verkniff er sich aber doch.
„Die Polizei war bei mir. Deine Frau hat mich angezeigt. Oder es zumindest versucht. Habt ihr überhaupt eine Ahnung, wer ich bin?“
Timo lag eine Antwort auf der Zunge, die er sich aber nicht traute auszusprechen.
„Ich bin Gerhard Krüger. Schon mal gehört? Der Letzte, der sich mit mir angelegt hat, kann nicht mehr selber essen, weil ihm beide Hände fehlen.“
Timo hatte keine Ahnung, wer Krüger war. Er wusste auch nicht, ob der bloß eine große Klappe hatte oder ob seine Aussage stimmte. Auf jeden Fall hatte er keine Lust mehr auf diese Unterhaltung im Beisein seiner Tochter.
„Hören Sie, das mag ja alles sein. Ich gehe jetzt weiter.“ Dann fasste er all seinen Mut zusammen. „Wenn Sie uns noch einmal belästigen, zeige ich sie an. Diesmal wirklich.“
Stolz auf sich selber ging er mit Nele weiter. Hinter sich hörte er ein lautes Lachen.

Timo sah den Mann nicht kommen.
Es war ein schöner Sommertag, die Temperatur war auf über 25 Grad gestiegen und Nele wollte ihren neuen Roller ausprobieren. Sie fuhr einige Meter vor Timo, der schnell gehen musste, um mit ihr Schritt zu halten. Auf einmal trat ein Mann ein neben sie und schubste sie von ihrem Roller. Nele schrie laut auf, Timo rannte zu ihr. Der Mann blieb seelenruhig neben ihr stehen.
„Sind Sie bescheuert? Was soll das?“ Timo schubste den Mann weg.
„Alles okay mein Schatz?“ Dass nicht alles okay war, konnte er schon an dem aufgeschlagenen Ellbogen sehen. Nele weinte. Timo nahm sie in den Arm, dann sah er den Mann an. Schon wieder so ein Durchschnittstyp. Der Mann blickte auf ihn herab.
„Merk dir das. Wer Gerhard in die Quere kommt, dem passiert noch viel Schlimmeres.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und ging davon.
Zuhause erzählt Timo seiner Frau, was passiert war.
„Wir müssen zur Polizei gehen“. Susanne war schockiert. Sie hatte Neles Wunde mit einem Pflaster zugeklebt, ihre Tochter weinte aber immer noch.
„Aber was sollen wir denen sagen? Es gibt doch keine Verbindung.“
„Also willst du einfach geschehen lassen, dass ein fremder Mann deine Tochter vom Roller tritt? Ist das jetzt der neue Normalzustand?“
„Er hat sie nicht getreten.“
Dieser Satz war zu viel für Susanne. „Es ist mir vollkommen egal, ob er sie getreten, geschubst oder umgepustet hat. Sie liegt blutend auf der Couch und dafür wird jemand bezahlen. Und dieser jemand ist dieser Gerhard soundso.“
„Gerhard Krüger. Ich denke, wir sollten da noch mal drüber reden.“
Susannes Gesicht lief rot an. „Ich diskutier da nicht drüber. Er hat mein Kind verletzen lassen. Dafür muss er bestraft werden.“
„Ich habe ihn gegoogelt. Der Typ ist ein Clan-Chef, bzw. der Kopf eine Verbrecher-Vereinigung. War schon angeklagt wegen Körperverletzung, Raub und Totschlag. Wurde nie verurteilt. Die Zeugen sind immer vorher verschwunden oder haben ihre Aussage zurückgezogen. Mittlerweile kannst du dir denken, warum.“
„Wir leben hier in Deutschland, in einem Rechtsstaat. Da kann auch so einer nicht machen, was er will. Die Gesetze gelten für alle.“
„Leider nicht. Einige kommen immer wieder davon.“
„Und jetzt? Was ist dein Vorschlag?“
„Vielleicht hat er ja jetzt genug.“
„Du bist und bleibst ein verdammter Feigling!“

Auch Susanne sah den Angriff nicht, bevor es zu spät war. Im Gegensatz zu dem Vorfall zwei Tage früher, war aber nicht Nele das Ziel, sondern Susanne selbst. Auf ihrer üblichen Joggingrunde durch den Park kam sie an mehreren Sträuchern vorbei. Als sie die das Ende der Reihe passierte, trat ein Mann auf den Weg und schlug ihr ohne Vorankündigung ins Gesicht. Susanne fühlte sich, als wäre sie ungebremst vor eine Wand gelaufen. Sie schlug hart mit dem Kopf auf dem Boden auf und sah ihre Umgebung nur noch verschwommen. Dann erkannte sie einen Schatten, der sich über sie beugte. Susanne wollte schreien, aber der Mann presste ihr eine Hand auf den Mund. Sie bekam kaum noch Luft und schmeckte ihr eigenes Blut, dass aus der gebrochenen Nase in ihren Rachen lief. Bitte nicht, dachte sie sich.
„Jetzt hör mal gut zu, du Schlampe. Du hast versucht, meinen Boss anzuzeigen. Das hier passiert mit Leuten, die sich gegen den Chef richten. Ihr werdet euch nie wieder an die Polizei wenden. Und dein Mann entschuldigt sich bei meinem Boss für die Unannehmlichkeiten. Sag ihm das!“ Er schlug ihr noch einmal mit dem Handrücken ins Gesicht und sie verlor das Bewusstsein.

Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie eine weiße Decke. Mit dem linken Auge konnte sie nur blinzeln, ihr rechtes Auge gehorchte ihren Anweisungen gar nicht. Sie spürte eine Hand auf ihrer. Mit Mühe öffnete sie das eine Auge und drehte den Kopf. Sofort spürte sie einen stechenden Schmerz im Nacken. Die Erinnerung an den Vorfall schoss ihr ins Gedächtnis und sie fing an zu weinen.
„Hey, alles wird gut. Ich bin jetzt bei dir.“ Das war Timos Stimme. Ja, er war jetzt bei ihr. Aber wo war er vorher gewesen? Sie wandte sich ab.
„War es wieder einer von seinen Männern?“
Susanne antwortete nicht.
„Hör zu. Ich weiß, dass du von mir enttäuscht bist. Ich war zu weich. Ein Mann bedroht meine Familie, verletzt meine Tochter und jetzt meine Frau und ich unternehme nichts. Ich kann das nicht rückgängig machen, aber ich kann jetzt reagieren.“
„Ach Timo. Was willst du denn machen?“ Beim Sprechen tat ihr der ganze Kiefer weh. „Du kannst ihm doch nichts anhaben. Er verlangt sogar, dass du zu ihm gehst und dich entschuldigst für die Unannehmlichkeiten.“
„Was will er?“
„Er lässt dir ausrichten, du sollst dich bei ihm entschuldigen.“
„Okay, das mache ich.“
„Was? Du hast doch gerade gesagt…“
„Ich weiß und ich meine es auch so. Aber ich komme sonst nicht an ihn ran. Ich will ihn noch einmal sehen. Dann mache ich ihm klar, dass es so nicht weitergeht.“
Susanne lachte leise auf. „Klar, der große Timo schüchtert den Gangsterboss ein.“
„Ich habe deinen Spott verdient. Aber ich werde es diesmal besser machen. Warte ab.“

Timo musste nicht lange auf ein Wiedersehen warten. Einer von Krügers Männern wartete regelmäßig in der Nähe des Kindergartens. Zwei Tage nach dem Überfall auf Susanne ging er zu ihm und bat um ein Treffen mit Krüger. Er wolle sich entschuldigen und ihn um Verzeihung bitten. Der Mann lachte. „Hast du es endlich eingesehen. Ich gebe dem Boss Bescheid.“

Zwei Tage später durfte Timo sich mit Gerhard treffen. Der Verbrecher hatte einen Parkplatz an der Autobahn gewählt, Timo kam sich wie in einem Gangsterfilm vor. Gerhard nahm ihn offenbar nicht ernst, denn er kam alleine.
„Du willst dich entschuldigen. Hast du endlich eingesehen, dass du nur ein armer Wurm bist?“
„Ja, habe ich. Und es tut mir leid. Wir werden Sie nicht mehr belästigen. Aber dafür lassen Sie meine Familie in Ruhe.“
„Du bist nicht in der Position, Forderungen zu stellen, Bürschchen. Ich bin der Boss. Es läuft, wie ich es will. Ich schubse deine Tochter so lange vom Roller, wie ich darauf Lust habe. Und wer weiß, vielleicht ficke ich deine Frau das nächste Mal noch, anstatt sie nur zu verprügeln.“

Die Welt um Timo verdunkelte sich, sein Blick wurde enger und richtete sich nur noch auf sein Gegenüber. Er fühlte sich wie in einem Tunnel, an dessen Ende Gerhard Krüger auf ihn wartete. Timo hatte alles getan, was der Mann wollte. Und trotzdem bedrohte er weiter seine Familie. In Timos Kopf legten sich mehrere Schalter auf einmal um. Er hatte es satt. Er war nicht mehr bereit, sich noch mehr von diesem Mann bieten zu lassen. Alle Ängste waren verschwunden, übrig war der blanke Hass.
„Und jetzt komm her und küss meinen Ring, du Bauer.“
Timo rührte sich nicht.
„Los, komm her, habe ich gesagt! Oder soll ich erst wieder deine Tochter verprügeln?“

Der berühmte Tropfen war in das Fass gefallen, jetzt lief es über.

Timo ging zu Gerhard Krüger, eine Hand in der Tasche.
„Auf die Knie, küss meinen Ring!“
Timo ging auf das rechte Knie und griff mit seiner linken Hand nach der ihm dargereichten, beringten Hand. Im Moment als er den Ring küsste, zog er mit der rechten Hand das Messer aus seiner Tasche.
Er stand auf und stieß es Gerhard Krüger mit Wucht von unten in den Hals.


Bildquelle:
HOerwin56 | Pixabay, CC0


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