Die erste Liebe

Die erste Liebe

Er spürte ihren Blick auf sich. Sein Herz setzte den einen berühmten Schlag aus. Jedenfalls bildete er sich das ein, schließlich stand das doch in allen Liebes-Ratgebern. Mit seinen 12 Jahren konnte Oskar da noch nicht aus Erfahrung mitreden, auch wenn es sich so anfühlte. Schüchtern blickte er zu ihr hinüber.

Natürlich war er schon mal verliebt gewesen. Wobei verknallt wohl die passendere Bezeichnung gewesen wäre. Im Gegensatz zu seinen Freunden hatte er sich aber immer wieder in dieselbe Frau verknallt: Marie.

Im Kindergarten war sie in der Parallelgruppe gewesen. Damals hatten sie immer mal wieder zusammen gespielt, Marie war seine beste Freundin gewesen. Dann waren sie auf unterschiedliche Grundschulen gegangen. Oskar hatte sie fast vergessen und neue Freunde gefunden. Nach dem Wechsel auf’s Gymnasium waren sie dann wieder in derselben Stufe gelandet, allerdings in unterschiedlichen Klassen. Oskar erinnerte sich an den ersten Schultag.

„Hallo Oskar. Du gehst auch auf das Heinrich-Heine-Gymnasium? Das ist ja toll.“
„Hallo Marie. Ja, ich bin in der C und du?“
„Ich bin in der A.“
„Das ist ja toll, dann sehen wir uns jetzt wieder häufiger.“
„Ja, toll.“

Die ersten beiden Jahre auf dem Gymnasium vergingen schnell. Oskar lernte Julius kennen, der Svenja gut kannte. Svenja war auch in der A und mit Marie befreundet. Zusammen mit Anne, einer weiteren Freundin der Beiden, trafen sie sich häufiger nachmittags und unternahmen zusammen Fahrradtouren und Ausflüge zum See. Oskar mochte Marie, Svenja mochte Julius. Anne fühlte sich trotzdem nicht ausgeschlossen.

Zu Beginn der siebten Klasse stand eine große Stufenfahrt an. Alle vier Klassen fuhren zusammen an die Nordsee. Zehn Tage lang würden sie dort in einer Jugendherberge untergebracht sein und auf Ausflügen die Natur, vor allem das Wattenmeer, kennenlernen.

Oskar war mit Julius, Max und Thomas auf einem Zimmer. Bei allen hatte die Pubertät eingesetzt und so wurden auch die Mädchen immer interessanter. Thomas prahlte, dass er mit Julia aus der B schon geknutscht habe. Julius und Max machten sich über ihn lustig, weil sie ihm nicht glaubten. Oskar machte mit, war insgeheim aber neidisch auf Thomas. Er hatte noch nie ein Mädchen geküsst.

Am dritten Tag stand ein Ausflug zum Wattenmeer an. Alle Schüler zogen ihre Gummistiefel an, einige Lehrer gingen in normalen Schuhen los.
„Frau Schneider, warum ziehen Sie keine Gummistiefel an?“, fragte Anne.
„Weil ich barfuß in den Schlick gehe. Die Gummistiefel würde ich eh nur verlieren.“
„Verlieren? Aber das sind meine Lieblingsstiefel!“
„Dann pass besser gut auf. Das Watt-Monster mag pinke Gummistiefel mit grünen Punkten.“
„Boah, Frau Schneider. Sie sind voll gemein.“ Frau Schneider lachte und Anne stapfte davon.

Auf dem Weg zum Wattenmeer hakte sich Marie bei Oskar unter.
„Schon lustig, was die Frau Schneider Anne erzählt hat. Die fragt jetzt jeden, ob es das Watt-Monster wirklich gibt.“
Ihr Arm lag auf seinem, er wagte nicht, ihn zu bewegen. So nah waren sie sich noch nie gewesen. Oskar wurde warm, obwohl ein kühler Wind wehte. Er kam sich vor wie ein Besenstiel, so steif hielt er seinen Arm. Er hatte Angst, sie würde wieder loslassen, wenn er sich zu sehr bewegte.
„Was meinst du? Wie viele Würmer finden wir?“ Marie deutete zu ihrem Eimer, in dem sie Wattwürmer sammeln und später untersuchen sollten.
„Äh, ich weiß nicht. Drei vielleicht?“ Im selben Moment wollte sich Oskar vor den Kopf schlagen. Drei?! Was war das denn für eine Antwort? Frauen wollten beeindruckt werden, hatte er irgendwo gelesen. Mit „Drei“ konnte er Marie bestimmt nicht beeindrucken.

Als hätte er es vorhergesehen, ließ sie seinen Arm los und lief zu Max. Der trug auch einen Eimer. Oskar war enttäuscht, es hatte doch so gut angefangen. Jetzt war sie weg. Weil er zu schüchtern war. Immerhin hakte sie sich nicht bei Max unter, sondern ging neben ihm. Sie drehte sich noch einmal kurz zu Oskar um. Sein Herz machte einen Freudensprung. Dann aber redete sie mit Max weiter, was Oskar direkt wieder traurig machte.

Anne war die ganze Zeit neben ihm gegangen. Jetzt lachte sie. „Der Oskar ist verliebt.“
Oskar wurde böse. „Quatsch. So ein Unsinn.“
Immerhin hatte Anne nicht so laut gesprochen, dass es alle um sie herum mitbekamen. „Sag ihr doch einfach, dass du sie toll findest.“
„Bist du verrückt? Und dann?“
„Ja, und dann? Vielleicht sagt sie, dass sie dich auch mag. Dreh dich mal um.“
Dabei zeigte sie auf Julius. Der hielt Svenja an der Hand.
„Was ist denn da los?“
„Die Beiden sind jetzt zusammen. Er hat ihr gesagt, dass er sie mag. Sie mag ihn auch. So einfach ist das.“ Das alles hatte Oskar gar nicht mitbekommen, so sehr war er auf Marie konzentriert gewesen.
„Seit wann gehen sie miteinander?“
„Seit zwei Tagen. Also quasi seit dem ersten Tag der Klassenfahrt.“
Oskar schwieg. Er sah Marie hinterher, die sich mittlerweile bei Max untergehakt hatte. Bedröppelt schaute er zu Boden.

Die folgenden Tage vergingen wie im Flug. Sie gingen noch zweimal zum Wattenmeer und einmal ins örtliche Schwimmbad. Am nächsten Tag machte die eine Hälfte der Stufe eine Fahrradtour, die andere ging ins Museum. Während der gesamten Zeit hatte Oskar nur Augen für Marie. Die schien sich aber nur für Max zu interessieren.
Max war der coole Typ der Klasse, viele Mädchen standen auf ihn. Oskar hatte immer gedacht, bei Marie sei das anders. Da hatte er sich wohl getäuscht. Obwohl die Stufenfahrt super war, wurde Oskar immer trauriger.

Dann kam der letzte Abend und damit die Abschlussdisko. Alle Schüler machten sie schick, so sehr es die Klamotten nach zehn Tagen Klassenfahrt zuließen. Wie immer, blieb die Tanzfläche am Anfang leer. Dann gingen die ersten Mädchen zusammen als Gruppe auf die Tanzfläche. Die Jungs waren eigentlich zu cool zum Tanzen. Als die Mädchen aber immer mehr Spaß hatten, stellten sich irgendwann die ersten Jungen dazu.
Oskar saß nur am Rand und sah zu. Er beobachtete Marie, die sich zu amüsieren schien. Immer wieder sah sie in seine Richtung. Wenn ihr Blick an ihm hängenblieb, schoß ihm das Blut in den Kopf und er musste wegsehen, um nicht rot zu werden.
Plötzlich saß Anne neben ihm. „Vom Starren wird sie auch nicht ja sagen.“
Verwirrt sah Oskar sie an. „Was meinst du?“
„Mein Gott, ich bin doch nicht blind. Du starrst seit einer halben Stunde zu Marie rüber. Wenn du sie nicht fragst, wird sie nicht ja sagen.“
„Was soll ich sie denn fragen?“
„Oskar, ist das dein Ernst? Du sollst sie fragen, ob sie mit dir gehen will.“
„Aber das will ich doch gar nicht.“
„Nee, klar. Willst du nicht. Das sieht aber ganz anders aus. Wenn du es nicht machst, macht es Max.“
„Soll er doch, Marie interessiert mich nicht.“ Oskar wurde bockig.
„Oh, man. Oskar.“ Anne verdrehte die Augen, stand auf und ging wieder zu ihren Freundinnen tanzen.

Am Wochenende nach der Klassenfahrt blieb Oskar in seinem Zimmer. Seine Mutter schob den Kopf zur Tür herein: „Alles okay? Ist irgendwas passiert?“
„Nein, ich will nur meine Ruhe haben.“
„Okay. Julius hat angerufen, sie wollen ins Kino. Du kannst ihn ja mal zurückrufen.“
„Keine Lust.“
Oskars Mutter merkte, dass es keinen Sinn hatte, weiter mit ihrem Sohn zu reden. Also schloß sie die Tür und ging wieder ins Wohnzimmer.

Oskars schlechte Laune hatte einen konkreten Grund. Nach der Abschlussdisko hatte er gesehen, wie Marie und Max Händchen gehalten hatten. Seitdem hatte er sich komplett zurückgezogen und während der gesamten Rückfahrt mit niemandem gesprochen. Er war enttäuscht, vor allem von sich selbst. Anne hatte Recht gehabt, er hätte Marie fragen müssen. Aber er war zu feige gewesen.

Mit dieser Stimmung ging er die nächsten Wochen in die Schule. Selbst Julius, der eigentlich nicht besonders aufmerksam in Bezug auf die Stimmung anderer Leute war, sprach ihn an.
„Was ist denn los?“
„Nichts.“
„Klar. Du triffst dich nicht mehr mit uns, noch nicht mal mit mir. Und du ziehst ’ne Schnute, als gäbe es zu Hause nur noch Spinat zu essen.“
„Marie geht mit Max. Das ist los.“
„Sag mal, bekommst du gar nichts mit?“
„Was denn?“
„Die Beiden haben sich schon wieder getrennt.“
Oskar fühlte eine wohlige Wärme in seinem Bauch aufsteigen. „Wie, getrennt?“
„Naja, getrennt eben. Aus, vorbei, finito. Nix mehr mit Händchen halten und Bussi, Bussi.“
„Echt? Seit wann denn?“
„Ich glaube, so seit einer Woche ungefähr.“
„Seit einer Woche?“ Oskar schrie fast. „Und das sagst du mir erst jetzt?“
„Hallo? Wir gehen in dieselbe Klasse. Ich bin mal davon ausgegangen, dass du sowas selber mitbekommst. Vor allem, wenn es um deine Herzensdame geht.“
Oskar versuchte, cool zu wirken. „Sie ist nicht meine Herzensdame.“
„Und das wird sie auch nie werden, wenn du weiter so einen Unsinn erzählst.“
„Ich muss zu Anne.“
„Hä? Ich dachte zu Marie?!“ Doch Oskar war schon auf dem Weg quer über den Schulhof.

„Du hast mir nicht gesagt, dass Marie nicht mehr mit Max zusammen ist!“
„Ähm, nein. Du siehst sie doch jeden Tag. Das kannst du doch selber merken.“
Komisch, dachte Oskar. Etwas Ähnliches hatte schon Julius gesagt. Vielleicht war er wirklich nicht sehr aufmerksam gewesen.
„Was mache ich denn jetzt?“
Anne lachte ihn an. „Jetzt wartest du auf den passenden Moment. Zum Beispiel am Freitag nach dem Kino. Dann gehst du zu ihr, fragst sie, ob sie mit dir gehen will. Sie sagt ja, du grinst wie ein Honigkuchenpferd und alles wird gut.“
„Echt? So einfach ist das?“ Oskar hatte sich immer riesige Gedanken um das Wie, Wo, Wann gemacht.
„Klar ist es so einfach. Du musst nur fragen, alles Weitere wird sich zeigen.“
Oskar spürte Nervosität, seine Finger kribbelten. Er konnte es nicht erwarten, dass endlich Freitag wurde.

„Der Film war ja mal nicht so toll“, sagte Julius. Sie standen vor dem Kino: Julius, Svenja, Anne, Marie und Oskar. Die ganze Clique versammelt.
„Ich muss nach Hause, meine Eltern wollen mich um zehn daheim sehen“, sagte Anne.
„Ich komm mit, ich muss denselben Bus nehmen“, erklärte Marie.
Auffordernd sah Anne zu Oskar. Der verstand erst nicht, dann ging ihm ein Licht auf. „Ich bring euch noch zur Haltestelle, ich kann von da aus auch meine Linie nehmen.“
„Alles klar“, sagte Julius, „Svenja und ich gehen in die andere Richtung. Unser Bus fährt dahinten ab.“
Nach der allgemeinen Verabschiedung gingen Anne, Marie und Oskar zur Bushaltestelle. „Ich muss noch kurz Geld holen“, sagte Anne, als sie an der Haltstelle ankamen. Sie drehte sich um und ging zum Automaten, der zehn Meter entfernt war. Marie und Oskar waren alleine. Verlegen schwiegen sie sich an, keiner wusste, was er tun sollte.

Dann nahm Oskar seinen ganzen Mut zusammen. Er trat vor Marie und sah sie an. Nur kurz, dann schaute er wieder auf seine Schuhe. Auch Marie war nervös, sie ahnte was Oskar wollte. Insgeheim freute sie sich. Oskar erinnerte sich an Annes Worte und straffte sich. Er blickte Marie ins Gesicht: „Willst du mit mir gehen?“


Bildquelle:
JUrban | Pixabay, CC0


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