Der neue Lehrer

Der neue Lehrer

Marie las den Brief ein letztes Mal, dann warf sie ihn in den Karton. Eine Träne floss ihr über die Wange
„Dieses Schwein!“ Ihr Oberkörper sackte nach vorne und sie brach in Tränen aus. „So ein Arschloch.“
Sandra saß neben ihr auf dem Bett und streichelte ihr den Rücken. Sie sagte nichts, was sollte man in so einer Situation schon sagen, außer den üblichen Floskeln. Marie und sie waren schon seit über zehn Jahren Freundinnen, sie wusste, was sie wann brauchte. Und jetzt war es einfach eine freundliche Berührung, kein toller Ratschlag.

Tim hatte Marie vor zwei Monaten verlassen. Er war ihre große Liebe gewesen. Sie hatte sich schon mit Kindern im gemeinsamen Haus gesehen. Fünf Jahre waren sie zusammen gewesen. Anfangs war es eine Kinderfreundschaft gewesen, dann waren sie ein Paar geworden. Marie war die erste in ihrer Clique, die einen festen Freund hatte. Die Bezeichnung Freund klang für Sandra immer noch komisch, denn die beiden waren damals gerade elf Jahre gewesen. Erstes Verknalltsein traf es wohl besser.
Aus diesem Zustand war dann aber Liebe geworden, die Beiden hatten die Pubertät zusammen er- und überlebt, hatten erste sexuelle Erfahrungen gemeinsam gemacht und waren für Sandra immer ein Vorbild in Sachen Beziehung gewesen. Doch Tim hatte sich verändert. Er fing an, mehr mit den coolen Leuten aus seiner Stufe abzuhängen und hatte immer weniger Zeit für Marie. Ein guter Joint mit den Kumpels wurde ihm wichtiger als ein gemeinsamer Abend mit Marie.

Irgendwann kam dann der Brief. Er erklärte ziemlich emotionslos, dass seine Gefühle für Marie nicht mehr vorhanden waren. Er wollte jetzt endlich Zeit für sich und seinen Freiraum haben. Er habe begriffen, dass die letzten Jahre ihn nur eingeengt hätten.
Marie war nach dieser Trennung nicht am Boden zerstört, sondern komplett lebensunfähig gewesen. Sandra und Melissa, ihre beiden besten Freundinnen, hatten versucht, sie aufzubauen. Ihr Halt zu geben, wo es ging. Sie hatten gemeinsame Ausflüge unternommen. Doch an fast jedem Ort, an dem sie waren, sagte Marie: „Hier war ich mit Tim, es war so schön. Da haben wir…“

So endete jeder Ausflug in Tränen. Selbst ein Trip nach Hamburg wurde zum Albtraum, obwohl Marie dort nie mit Tim gewesen war. Mitten im Schanzenviertel lief ihr ein Typ über den Weg, der sie freundlich anlächelte. Marie schossen sofort die Tränen in die Augen: „So hat mich Tim damals auch am Anfang angelächelt.“
Das war der Moment, als es Sandra und Melissa zu dumm wurde.

„Jetzt hör mal zu“, sagte Melissa. „So geht es nicht weiter. Wir können an keinen einzigen Ort in unserer Stadt gehen, weil du überall mit Tim warst und ihr hier das und dort jenes gemacht habt. Dann fahren wir in eine komplett fremde Stadt und nur weil dich irgendein Fremder anlacht, denkst du sofort wieder an Tim. Du musst aus diesem Tief raus. Das tut dir nicht gut und uns auch nicht.“
Marie sah sie an und ihre Augen wurden groß. „Bin ich eine so schlechte Freundin?“ Schon wieder hatte sie Tränen in den Augen.
Melissa schüttelte den Kopf. „Nein, oh man. Du bist keine schlechte Freundin. Du bist nur komplett fertig und siehst überall deinen Ex. Du musst dich von ihm lösen. Sonst bist du zum Abi ein Fall für die Klapse.“
„Aber wie?“, schluchzte Marie.
„Such dir ’nen Neuen, verbrenn seine Sachen“, schlug Sandra vor.
„Verbrennen?“ Marie sah sie mit großen Augen an.
„Ja, pass auf.“ Sandra war jetzt ganz in ihrem Element. „Ich habe davon irgendwo gelesen, ich weiß nicht mehr genau wo. Wir suchen alle seine Sachen zusammen und machen damit ein großes Feuer. Dazu gibt es noch eine Art Beschwörungszauber. Wenn wir es richtig machen, denkst du zwar noch an ihn, aber es tut nicht mehr weh.“
Melissa verdrehte die Augen, ohne dass es Marie sehen konnte. Sie zeigte Sandra einen Vogel. Trotzdem sagte sie: „Ja, das ist eine gute Idee. Wir lassen es uns jetzt noch zwei Tage gut gehen und dann machen wir dieses Ritual.“
Marie fasste neue Hoffnung. „Okay, so machen wir es. Auf dass diese unglückliche Liebe endlich aufhört.“

Jetzt saßen sie in Maries Zimmer und sammelten die Zutaten für ihr Tim-Feuer. Sandra hatte extra noch mal die Beschwörungsformel rausgesucht, die sie angeblich in einem alten indianischen Buch gefunden hatte. In Wirklichkeit war es die Bravo gewesen, aber das war egal. Melissa und sie wollten nur, dass es Marie besser ging. Dazu waren ihnen alle Mittel recht. Sie wussten, dass Marie sehr empfänglich für diese Art von Zauber war. Warum sich das nicht zunutze machen?
„Das war es. Jetzt sind alle Sachen in dem Karton.“
„Bist du sicher, Marie? Was ist mit dem Foto da hinten?“
„Oh, das hätte ich fast vergessen.“ Marie wurde rot.
Sie nahm das Foto aus dem Regal und warf es ebenfalls in den Karton. „Jetzt aber.“
„Okay, dann auf. Wir treffen uns bei Melissa im Schrebergarten. Ihre Eltern haben da so ’ne Mülltonne wie in der Bronx rumstehen. Waren davon wohl mal begeistert, als sie dort im Urlaub waren.“
Marie lachte laut auf. „Ja, nee. Is klar.“
„Egal. Hauptsache, sie erfüllt ihren Zweck.“

Sie fuhren mit der Bahn zum Schrebergarten. Marie hielt den Karton wie einen Schatz auf ihrem Schoß.
„Du weißt schon, dass das Ritual zum Loslassen dient? Du klammerst dich an die Kiste wie ein Löwe an eine Antilope.“
„Ja, aber es waren immerhin fünf Jahre.“
Sandra sagte nichts mehr. Der „Zauber“ musste ganz dringend wirken, um diesem Spuk ein Ende zu machen.

„Ich habe jemanden kennengelernt.“ Marie lief aufgeregt zu Sandra und Melissa. Die Beiden warfen sich einen kurzen Blick zu, den Marie nicht mitbekam.
„Er ist so toll. Wir haben uns in der Disko getroffen. Er ist 19 und hat gerade seine Ausbildung angefangen. Ich habe vergessen als was, aber auch egal, denn er ist echt süß.“
„Marie“, sagte Sandra genervt. „Du hörst dich an wie eine 14-Jährige. Und du verhältst dich auch so. Was ist denn los mit dir? Vor einem Monat haben wir das Verbrennungsritual durchgeführt und seitdem ist das der vierte Typ, den du anschleppst.“
„Ihr wolltet doch, dass ich wieder glücklich werde.“
„Ja, genau. Wir wollten, dass du glücklich wirst. Nicht, dass du dich durch die Stadt hurst.“
„Das mache ich gar nicht“, erwiderte Marie schnippisch.
„Vier Typen in vier Wochen. Wie würdest du das nennen?“
Es war, als hätte jemand Marie mit einem Stock auf den Kopf gehauen. Mit einem Mal fing sie an zu weinen. Sandra nahm sie in den Arm.
„Ist schon gut.“
„Ich will doch nur glücklich sein“, kam es unter Schluchzen hervor.
„Meine Süße, das wirst du noch. Du darfst es nur nicht überstürzen. Du wirst deinen Traummann nicht finden, wenn du jede Woche mit einem anderen ins Bett gehst. Daran erkennst du Mr. Right bestimmt nicht.“
Langsam beruhigte sich Marie wieder. „Okay. Keine One-Night-Stands mehr. Ich gehe das Ganze jetzt entspannter an. Kein Date für die nächsten vier Wochen.“
Melissa sah sie an: „Du sollst ja nicht zwischen den beiden Extremen hin und her pendeln. Du sollst es nur nicht verkrampft versuchen. Wir wissen doch, wie es dir geht. Mach einfach mal das, worauf du Lust hast. Ohne an Männer zu denken. Reagier dich mal richtig ab. Geh heute Abend ins Fitnessstudio und power dich aus.“

Sandra und Melissa saßen in ihrem Lieblingscafé, jede einen Cappuccino vor sich.
„Ich dachte schon, wir hätten das falsche Ritual erwischt. Nicht ‚Weg vom Ex’, sondern ‚Schlampe für vier Wochen’.“
Melissa verschluckte sich vor Lachen an ihrem Kaffee.
„Oh man, du kommst auf Ideen. Gut, ich hatte ähnliches vermutet. Mit Magie soll man ja nicht spaßen. Und du bist eindeutig noch eine Anfängerin.“
„Quatsch“, sagte Sandra. „Ich bin voll erfahren. Ich hab es nur noch nie bei so ernsten Themen probiert.“
„Naja, jetzt scheint es ja doch noch geklappt zu haben. Seit sieben Wochen keine neuen Männergeschichten. Wenn das so weitergeht, können wir Marie bald im Kloster besuchen.“
„Wo wollt ihr mich besuchen?“ Marie war an ihren Tisch gekommen. „Und wo ist mein Cappuccino?“
„Was strahlst du denn so?“, wollte Sandra wissen.
„Och, nix“, grinste Marie vor sich hin.
„Wie heißt er?“, fragte Melissa.
„Wer?“
„Der Typ, wegen dem du so grinst.“
„Och der, das ist nix.“
„Jetzt red’ schon!“
„Also passt auf.“ Marie beugte sich in ihrem Stuhl vor. „Ich habe jemanden kennengelernt.“ Melissa und Sandra stießen zeitgleich ein Stöhnen aus.
„Nein, wartet. Wir gehen es langsam an, lernen uns erst mal kennen. Er ist nicht wie die Typen in den letzten Wochen. Wir waren noch nicht im Bett.“
„Okay, das gibt schon mal einen Fleißpunkt für Keuschheit“, feixte Sandra.
„Ach halt doch die Klappe“, lachte Marie.
„Gibt’s noch mehr Details?“, fragte Melissa.
„Er heißt Jens und ist 28.“
Zum zweiten Mal verschluckte sich Melissa an ihrem Kaffee.
„Was? Du bist 17. Das ist nicht nur verwerflich, sondern illegal.“
„Jetzt reg dich mal ab. So lange nix läuft, ist da gar nix illegal.“
„Erzähl doch erst mal weiter“, versuchte Sandra die Situation zu beruhigen.
„Wir haben uns im Fitnessstudio kennengelernt. Da wo du mich hingeschickt hast.“ Mit dem Finger zeigte sie auf Melissa. „Wir haben uns unterhalten. Er fängt hier bald ’ne neue Stelle an und ist erst vor kurzem hergezogen.“
„Und als was fängt er an?“
„Oh. Das hab ich vergessen zu fragen.“
„Marie!“
„Ja, sorry. Er hat so schöne Augen, da konnte ich auf den Rest nicht mehr achten.“
„Oh. Mein. Gott. Hast du heute Morgen einen Rosamunde Pilcher Roman gegessen?“
„Nein, wirklich. Er ist nett, unaufdringlich und an mir interessiert. Das hab ich auch beim Kaffeetrinken gemerkt.“
„Beim was?“, Sandra wollte auch mal wieder etwas sagen.
„Wir waren Kaffee trinken. Das ist ja nun kein Verbrechen.“
„So lange ihr nur Kaffee trinkt…“
„Ich glaube wirklich, das diesmal was Ernstes daraus werden kann.“
„Das hoffe ich für dich. Aber denk dran, in zwei Wochen geht die Schule wieder los und damit unser Abschlussjahr. Es wäre gut, wenn du dich dann auf den Unterricht konzentrieren würdest.“

„Guten Morgen, ich bin Herr Telwe, euer neuer Englischlehrer.“
Das neue Jahr hatte gerade angefangen. Sandra saß neben Marie in der Bank, als sich ihr neuer Lehrer vorstellte.
„Der ist aber schnuckelig“, raunte sie ihrer Freundin zu. Marie konnte nicht antworten, sie hing halb unter der Bank und suchte etwas in ihrer Tasche. „Hmm?“, kam es von unten. „Nix, siehst du gleich selber.“
Marie kam unter der Bank hervor und grinste Sandra an. „Hab ich ihn. Hab mir extra ’nen neuen Füller für das letzte Jahr gekauft. Als Glücksbringer sozusagen.“
Sandra verdrehte die Augen.
„Schön, dass Sie es jetzt auch geschafft haben“, sagte Herr Telwe mit einem Blick in Maries Richtung. Die hatte ihm noch ihr Profil zugedreht, weil sie mit Sandra gesprochen hatte.
Jetzt drehte sie den Kopf nach vorne und schnappte augenblicklich nach Luft. Ihr Füller fiel auf den Boden, sie war wie versteinert. Sandra sah sie besorgt an. So gut sah der Typ nun auch wieder nicht aus.
Auch Herr Telwes Gesicht nahm eine weiße Farbe an, bevor es einen Rot-Stich bekam.
Sandra sah Melissa in der Bank neben ihr an. Die zuckte nur mit den Schultern. Sandra sah noch einmal auf ihren Zettel.
Neue Lehrkraft für Englisch: Jens Telwe, stand dort. Jens.
Sandra drehte den Kopf zu Marie, die immer noch reglos auf ihrem Platz saß. „Ist das etwa dein Jens?“  Marie drehte ihr den Kopf zu, immer noch vollkommen apathisch. „Warum?“

Drei Wochen später saßen sie wieder im Schrebergarten von Melissas Eltern, diesmal ohne Feuer-Ritual.„Warum?“ Marie war immer noch verzweifelt. Oder eher schon wieder.
Der neue Englischlehrer war ihre Bekanntschaft aus dem Fitnessstudio. Damit war an eine Beziehung nicht mehr zu denken.
„Da treff ich endlich mal einen vernünftigen Typen und der ist dann mein Lehrer. Dabei hat er vor dem Schuljahr selber gesagt, dass er sich eine Beziehung mit mir vorstellen könnte. Man, das ist ja wie bei Romeo und Julia hier. Die Beiden wollen, aber die Umstände sind dagegen.“
Melissa nahm einen Schluck aus ihrer Bierflasche. „Gibt es denn keine Möglichkeit? Heimlich oder so?“
„Er ist noch auf Probe. Wenn das rauskommt, verliert er seine Stelle und seinen Beamtenstatus.“
„Manchmal muss man für eine Sache auch kämpfen“, merkte Sandra an.
„Ach, das ist doch wieder unnötiges Geschwätz. Ich werde wieder kein Glück in der Liebe haben. Ich weiß nicht, ob ich die Kraft habe, wieder um jemanden zu kämpfen und enttäuscht zu werden. Auf der einen Seite steht das Glück, auf der anderen die umso größere Enttäuschung wenn es nicht klappt. Ich weiß einfach nicht weiter.“
„Vielleicht musst du auf ein Zeichen von ihm warten.“
„Vielleicht.“

Das Zeichen kam. Unerwartet und schneller als gedacht. Zwei Wochen später stand Romeo und Julia auf dem Lehrplan, klassischer Stoff für das Abitur. Als Marie das Thema der nächsten Wochen erfuhr, schüttelte sie nur den Kopf. Sandra musste leise lachen, auch Melissa grinste.
Jens stand vor der Klasse. Er wirkte ernster als sonst. Marie spürte, dass etwas in der Luft lag. Sie hatte das Gefühl, dass ein wichtiges Ereignis kurz bevorstand. Umso gebannter lauschte sie seinen nächsten Worten.
„Wir lernen schon bei Shakespeare, dass man häufig unverschuldet in Situationen gerät, die man freiwillig nie gewählt hätte. Dann hat man zwei Möglichkeiten: Man kann akzeptieren, dass es in diesem Leben kein Happy End geben wird. Oder man kann gegen alle Widerstände kämpfen, weil einem die Sache so wichtig ist.“ Dabei sah er Marie an. „Wie entscheidest du dich?“
Da war es. Ihr Zeichen. Der Hinweis, auf den Marie so verzweifelt gewartet hatte. Jens hatte ihr die Tür geöffnet, sie musste nur noch hindurchgehen. Marie sah zu ihren Freundinnen. Auch diese hatten den Hinweis verstanden. Jetzt lag es an ihr.
Zögernd meldete sie sich.


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Pexels | Pixabay, CC0


 

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