Der alte Ring

Der alte Ring

„Und jetzt mein kleiner Frodo, zeig mir, dass du es wert bist. Wert, diesen Ring zu tragen.“
Mit diesen feierlichen Worten steckte Oma Luise Kilian den Ring an den Mittelfinger. Kilians Gesicht glühte vor Stolz, trotzdem sah er seine Oma zweifelnd an. „Oma, ich bin aber nicht Frodo. Ich bin Aragorn, der stolze Krieger.“
„Naja, mein Junge. Von der Größe her bist du eher Frodo. Auch wenn dein Herz bestimmt genauso tapfer ist wie das von Aragorn.“
Oma Luise lächelte ihren Sohn Holger an. Der stand neben Kilian und hatte Gaby im Arm, seine Frau.

Kilian hatte vor kurzem die drei Herr der Ringe Bücher gelesen und war seitdem Feuer und Flamme, wenn es um Magie, Zauberer und vor allem Ringe ging. Das war auch Oma Luise nicht entgangen und sie hatte sich auf die Suche nach einem Ring gemacht, der dem aus Herr der Ringe ähnlich war. Er sollte aber auch nicht zu wertvoll sein, schließlich war Kilian erst zwölf und für sein Alter noch ziemlich tollpatschig. Immer wieder ließ er seine Sachen liegen und verlor in schöner Regelmäßigkeit den Haustürschlüssel.

Auf ihrer Suche war Oma Luise in vielen Geschäften gewesen. Zunächst hatte sie es bei den großen Kaufhäusern versucht. Dort fand sie allerdings nur billig aussehende Ringe. Dann hatte sie es bei zwei Schmuckgeschäften probiert. Dort gab es zwar optisch passende Ringe, diese waren aber viel zu teuer für ihren Enkel.
Also hatte sie sich weiter umgesehen. Bei einem Spaziergang durch die Stadt war sie an einem Laden vorbeigekommen, der ihr noch nie vorher aufgefallen war. Vor dem Schaufenster blieb sie stehen und betrachtete die Auslage. Sie sah allerhand, was man im Mittelalter noch als Teufelszeug bezeichnet hätte. Künstliche Schädel, Dolche, Pentagramme. Alles auf rotem oder lilanem Brokat ausgelegt. Warum nicht, dachte sie sich und betrat das Geschäft.
Der Geruch im Inneren ließ sie an der Türschwelle stehen bleiben. In dem Geschäft lag ein schwerer Geruch, so dass sie kaum atmen konnte. Eine Mischung aus Räucherkerzen, Geruchskerzen und irgendetwas anderem, das sie nicht identifizieren konnte.
Sie trat ein und ging zum Verkaufstresen. Der Mann hinter der Theke war circa zehn Jahre jünger als sie und hatte weißes Haar. Über seine Lesebrille hinweg sah er sie an.
„Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen?“, grüßte er sie.
„Ich suche einen Ring.“
„Da haben wir einige da. Darf es etwas Bestimmtes sein? Mit Totenkopf oder einem Tier als Verzierung? Ist der Ring für Sie?“
„Das sind ziemlich viele Fragen guter Mann. Nein, der Ring ist nicht für mich, sondern für meinen Enkel. Er ist zwölf und hat gerade aus den Büchern Mittelerdes wieder zu uns gefunden. Jetzt möchte er einen Ring, um sie alle zu knechten.“ Dabei lachte sie.
Der Verkäufer lächelte sie mit einem Gesichtsausdruck an, der sagte, dass er solche Wünsche in letzter Zeit häufiger gehört hatte. Er führte sie zu einer Vitrine im hinteren Teil des Ladens. Dort waren zahlreiche Ringe ausgestellt.
Offensichtlich keine wertvollen Exemplare, aber doch reich verziert und schön dekoriert. Von Ringen mit Drachen, Totenköpfen und Echsen, bis hin zu einfachen Holzringen war alles vertreten.
Oma Luise betrachtete die Ringe. Ein Ring war ihr ins Auge gestochen. Es war nicht der schönste und bei weitem nicht der am meisten verzierte Ring, dennoch zog er sie an. Der Ring sah alt aus und bestand aus Silber. Auf der Außenseite zog sich eine Rille durch den Ring, die mit bläulicher Farbe gefüllt war. Im Inneren hatte er Verzierungen, die man auch als Schrift aus einer anderen Welt deuten konnte.
„Der da soll es sein“, sagte sie zu dem Verkäufer.
„Gewiss. Eine gute Wahl. Ihr Enkel wird sich freuen.“
„Ich habe den Ring schon gekauft, sie brauchen ihn mir nicht mehr schmackhaft zu machen.“
Der Verkäufer zuckte kurz zurück, lächelte dann aber. Sie gingen zur Kasse zurück und Oma Luise bezahlte. Als sie aus dem Laden trat, war sie leicht benommen, schob das aber auf die sonderbare Luft in dem Geschäft.

Jetzt steckte dieser blau-silberne Ring auf Kilians Finger. Es schien, als sei er mit ihm um ein paar Zentimeter gewachsen, so stolz stand er im Wohnzimmer.
„Danke, Oma.“ Er nahm Oma Luise in den Arm. „Das ist ein ganz tolles Geschenk. Jetzt werde ich sie alle knechten.“ Dabei lachte er.
„Denk dran, kleiner Frodo. Mit dem Ring sollst du Gutes tun, sonst wird er dir nicht bekommen.“
„Okay, Oma, mache ich. Und jetzt komm, es gibt leckeren Kuchen.“ Damit bot er seiner Großmutter seinen Arm zum Unterhaken an. Holger lächelte.
„Holst du das Schwert zum Zerteilen?“, fragte er Gaby. Die boxte ihm auf die Schulter. „Fang du nicht auch noch so an. Es reicht, wenn Kilian voll im Fantasy-Wahn ist.“
„So spricht die ungläubige Magd, die noch nie ein Wunder mit eigenen Augen erblickte.“ Dieser Satz brachte ihm einen zweiten Hieb auf die Schulter ein.
„Aua, das ist mein Schwert-Arm. Gleich kann ich den Kuchen nicht mehr zerteilen.“
„Ich geb dir gleich Schwert-Arm. Hol deiner Mutter lieber einen Kaffee.“
Holger wollte gerade etwas von Magd, Königin und Diener sagen, hielt sich aber noch zurück. Seine Schulter tat schon weh, er wollte nicht wieder geschlagen werden.“

„Hattest du einen schönen Geburtstag?“ Gaby sah ihren Sohn an.
„Ja, er war super. Oma hat mir ein tolles Geschenk gemacht.“ Begeistert blickte er zu seinem rechten Mittelfinger, wo sein neuer Ring steckte.
„Vielleicht solltest du den Ring lieber hier lassen und nicht mit in die Schule nehmen“, schlug sein Vater vor. „Es wäre doch schade, wenn du ihn verlierst.“
„Ja, außerdem glaube ich, dass die anderen Kinder lachen würden. Ringe tragen doch nur Mädchen.“
Holger sah auf seine rechte Hand, an der sein Ehering steckte. Kilian bemerkte den Blick.
„Das ist doch etwas anderes. Ich bin schließlich nicht verheiratet.“
„Mach es so, wie du dich wohlfühlst.“

Am nächsten Tag ließ Kilian den Ring zu Hause. Er hatte Angst vor der Reaktion seiner Mitschüler, vor allem von Torben. Der war größer und stärker als er und machte immer Witze über alle anderen.
Kaum war Kilian aber aus der Schule zurück, steckte er den Ring an seinen Finger und griff nach seinem Holzschwert, das er im letzten Sommer auf einem Mittelalter-Markt bekommen hatte. In seiner eigenen Welt spielte er bis zum Abendessen.
Mal war er Frodo, der den Ring vernichten wollte, dann Aragorn, der Frodo beschützen musste. Er kämpfte so heftig, dass ein Glas in seinem Schrank zu Bruch ging.
Seine Mutter steckte den Kopf zur Tür herein. „Alles in Ordnung? Hast du wieder Orks getötet?“
Kilian blickte zu Boden. Es war ihm peinlich, dass er in seinem Spiel ertappt worden war.
„Pass das nächste Mal einfach besser auf. Und jetzt schnapp dir Lappen und Kehrblech und mach das sauber.“

Das Schuljahr hatte gerade erst begonnen und Kilian ging gerne zur Schule. Noch mehr freute er sich aber auf zu Hause, weil er dort wieder in seine Fantasie-Welten eintauchen konnte. Längst hatte er drei weitere Fantasy-Bücher gelesen, aber keines faszinierte ihn so wie der Herr der Ringe.
In der Schule erzählte er Peter von seinen Büchern. Sein Freund teilte seine Leidenschaft für Fantasy und so diskutierten die Jungen stundenlang über Elben, Trolle, Orks und Zauberer. Sie behielten ihre Meinung Außenstehenden gegenüber aber für sich, denn Fantasy-Fans galten in ihrer Stufe als Sonderlinge. Daher wusste auch nur Peter von Kilians Ring.

Als sie eines Nachmittags bei Kilian zu Hause waren, zeigte er ihm den Ring. Peter war sofort begeistert. Er zog den Ring über und schloss die Augen.
„Kannst du mich noch sehen?“
„Natürlich du Spinner.“
„Dann funktioniert der Ring wohl nicht.“ Sie lachten über Peters gespielte Entrüstung.
„Aber vielleicht macht er ja unverwundbar“, meinte Peter plötzlich.
„Klar, probier es aus. Unten sind genug Messer.“ Kilian sagte es im Scherz, aber Peter sah ihn begeistert an.
Bevor Kilian noch etwas ergänzen konnte, war Peter aus der Tür. Kilian hörte ihn zur Treppe rennen. Im nächsten Moment schrie Peter, gefolgt von einem lauten Poltern. Kilian sprang auf und lief zur Treppe. Am unteren Absatz lag Peter.
Sein Körper war unnatürlich verdreht und an seinem Kopf bildete sich eine Blutlache. Kilian rannte die Treppe hinunter, während er nach seinen Eltern rief. Dann fiel ihm ein, dass beide arbeiten waren. Unten angekommen, hockte er sich neben seinen Freund. Er konnte sehen, dass Peter noch atmete. Kilian bekam Panik. Er rannte zum Telefon und wählte den Notruf.

Die Dame am anderen Ende sprach beruhigend auf ihn ein und fragte nach seiner Adresse. Dann fragte sie nach Peters genauen Verletzungen. Kilian wurde schlecht, als er seinen Freund genauer betrachtete, um der Frau die Verletzungen zu beschreiben. Sie gab ihm Anweisungen, was er tun sollte. Ihrer Stimme folgend holte Kilian ein frisches Handtuch und drückte es auf Peters blutende Kopfwunde.
„Atmet dein Freund noch?“
„Ja, ich glaube schon.“
„Halt eine Hand an seine Nase und Mund. Spürst du einen Luftzug?“
Kilian tat, was sie gesagt hatte. „Ja, er atmet.“
„Gut, wie liegt er? Auf dem Bauch, Rücken oder Seite?“
„Auf dem Bauch.“
„Ist sein Mund der niedrigste Punkt des Körpers?“
„Was?“
„Liegt er flach oder ist ein Körperteil höher als die anderen?“
„Die Beine liegen noch auf der Treppe. Der Kopf ist am niedrigsten.“
„Gut, dann lass ihn so liegen bis der Notarzt kommt. Drück ihm weiter das Handtuch fest auf die Wunde am Kopf. Du machst das super.“
In der Ferne konnte Kilian schon die Sirenen hören.
„Ich glaube, da kommt der Arzt.“
„Sehr gut. Dann bleib jetzt bei deinem Freund. Nicht das Handtuch wegnehmen. Erst wenn es klingelt, okay?“
„Ja, mache ich.“
Die Sirenen wurden lauter, dann stoppten sie vor der Tür. Wenige Sekunden später klingelte es.
„Jetzt kannst du loslassen und die Tür öffnen. Du hast das sehr gut gemacht.“
Kilian ließ das Handtuch los und rannte zur Tür. Draußen warteten die Sanitäter. Er machte ihnen Platz und sie kümmerten sich um Peter.

Zwei Tage später konnte Kilian Peter im Krankenhaus besuchen. Peters Eltern waren auch dort. Seine Mutter nahm Kilian in den Arm und küsste ihn auf den Kopf.
„Danke, Kilian. Du hast dich super im Peter gekümmert. Die Ärzte sagen, ohne deine Hilfe hätte es viel schlimmer enden können.“ Sie hatte Tränen in den Augen.
„Aber… doch… selbstverständlich…“ Kilian brachte keinen ganzen Satz heraus, seine Stimme war belegt, Tränen stiegen ihm in die Augen. Peters Mutter nahm ihn noch einmal in den Arm.
„Alles wird gut. Die Ärzte sagen, er muss sich noch lange ausruhen, aber dann wird er wieder gesund. Er hat sich ein paar Knochen gebrochen, aber das heilt alles wieder.“
Kilian schluchzte noch einmal, dann versuchte er ein Lächeln.
„Da ist noch etwas“, sagte Peters Vater. „Er hatte diesen Ring um den Finger. Weißt du, was damit ist?“
Kilian sah ihn verlegen an. „Ja, das ist meiner. Meine Oma hat ihn mir zum Geburtstag geschenkt. Peter hatte ihn sich kurz ausgeliehen. Er steht ja auch so auf Herr der Ringe. Er hatte ihn noch um, als er die Treppe runterfiel.“
„Also doch kein magischer Ring?“ Peters Vater musste lachen, was in der Situation komisch wirkte. „Du kannst ihn gerne wieder mitnehmen. Es ist ja dein Ring.“
„Danke schön.“
Kilian ging zu Peter ans Bett, aber der schlief. In der Nase hatte er einen Schlauch für zusätzlichen Sauerstoff. Er sah elend aus, aber Kilian war froh, dass sein Freund noch lebte. Insgeheim war er auch etwas stolz auf sich, dass er richtig gehandelt und seinen Freund gerettet hatte.
Er nahm seinen Ring vom Nachttisch, verabschiedete sich und ging nach Hause.

Abends lag er noch lange wach. Es war dunkel in seinem Zimmer. Auf dem Nachttisch lag sein Ring. Der Ring, der Peter Unglück gebracht hatte.
War wohl nichts mit Magie, dachte sich Kilian. Die gibt es anscheinend doch nur in Büchern und Filmen. Er musste an die Worte seiner Oma denken: „Tue Gutes, dann wird sich der Ring dir offenbaren.“
Ich habe doch heute etwas Gutes getan, dachte Kilian.
Er griff nach dem Ring und drehte ihn zwischen seinen Fingern. Er befühlte die Oberfläche, sehen konnte er sie wegen der Dunkelheit nicht. Dann steckte er sich den Ring an den Finger.
Zunächst glaubte er, ein Licht von draußen würde ins Zimmer fallen. Dann bemerkte er, dass der Ring selber leuchtete.
Die blaue Rille schien immer heller und erfüllte bald den ganzen Raum mit ihrem Licht. Kilian wagte nicht, sich zu bewegen. Dann riss er sich den Ring vom Finger. Augenblicklich war es wieder stockfinster in seinem Zimmer. Er schob den Ring erneut über seinen Finger und langsam begann er zu leuchten, bis der gesamte Raum wieder hellblau war.
Kilian schloss die Augen und lächelte. Seine Oma hatte Recht gehabt. Er hatte etwas Gutes getan und nun besaß er einen magischen Ring.

Was er damit wohl noch alles bewirken konnte?

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Bildquelle: Agzam | Pixabay, CC0


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