Das Adressbuch

Adressbuch

Martin kletterte über das Brückengeländer und sah auf das dunkle Wasser unter sich. Neben ihm stand Markus und lachte ihn an. In der rechten Hand hielt er eine Flasche.
Markus drehte sich zu Eva um. „Hold my beer!“
„Das endet selten gut“, entgegnete Eva und nahm ihm die Flasche ab.
„Ich kann nicht glauben, dass du noch nie gesprungen bist.“ Markus sah Martin an. „Wie lange haben wir jetzt hier studiert? Vier Jahre?“
„Viereinhalb, ich habe eine Ehrenrunde eingelegt.“
„Viereinhalb Jahre und du bist nie von der Brücke gesprungen. Junge, das macht man normalerweise als Ersti.“
„Da kannte ich euch noch nicht und danach habe ich es wohl verpasst.“

Martin hatte Markus und die anderen erst im zweiten Semester kennengelernt. Vorher war er abgeschottet gewesen. Seine Wohnung lag außerhalb der Stadt, weswegen er zu den meisten Partys gar nicht erst hinfuhr. Nach dem gemeinsamen Kurs zu Anatomie im zweiten Semester hatte sich das geändert. Er war umgezogen und hatte seitdem fast jede freie Minute mit den anderen verbracht. Die anderen, das waren Markus, Eva, Sandra, Torben, Sebastian und Jörg. Markus und Eva standen jetzt neben ihm auf der Brücke, die anderen warteten unten am Rand des Kanals.
Es war eine beliebte Mutprobe, von der Brücke in das trübe Wasser zu springen. Jeder Student hatte es mindestens einmal in seiner Zeit probiert. Die meisten waren wieder aufgetaucht. Der Kanal war tief genug für einen solchen Sprung. An einigen Stellen lag aber Müll unter der Oberfläche, den man besser nicht treffen sollte.
Mit einem lauten Freudenschrei stieß sich Markus vom Rand ab und fiel ins Dunkel. So spät abends konnte man die Oberfläche nur erahnen. Mit einem lauten Platschen landete er im Wasser. Martin kam es wie eine Ewigkeit vor, bis Markus wieder auftauchte. Dann hörte er von unten ein Prusten und ein lautes „Yeah boy“. Wobei das O in Boy sehr lang gezogen war.
„Jetzt du“, sagte Eva hinter ihm. Sie war Markus Freundin und eine der schönsten Frauen im Studiengang. Mit diesen Reizen spielte so oft, häufig auch mit Martin. Sie trat nah an ihn heran und schlug lässig die Augen auf.
„Los, zeig mir was du kannst.“

Martin hatte Angst, wollte sich an seinem letzten Abend aber keine Blöße geben. Er atmete tief ein und sprang. Der Fall zog sich hin. Bei Markus hatte es schnell ausgesehen. Martin kam es vor, als würde der Sprung länger dauern als sein gesamtes Studium.
Dann spürte er die Wasseroberfläche unter seinen Füßen. Er tauchte tief ein ohne einen Gegenstand zu berühren. Nach dem Auftauchen stieß er einen Freudenschrei aus und schwamm glücklich zum Rand.
„Na also. Entjungfert am letzten Abend. Was will man mehr?“ Torben klopfte ihm auf die Schulter. Martin griff sein T-Shirt und trocknete sich damit ab. Es waren immer noch weit über zwanzig Grad, das Shirt würde von alleine trocknen.
Sebastian, Jörg und Sandra hatten ein Lagerfeuer gemacht. Streng genommen war das an dieser Stelle verboten, aber die Kontrollen waren lasch. Trotzdem frotzelte Martin: „Toll, ein Feuer. Damit die Polizei kommt und uns alle einbuchtet. Und ich meinen Zug und meinen Flieger nicht mehr bekomme. Ihr könnt mir auch einfach sagen, wenn ich noch bleiben soll.“
„Bestimmt nicht. Alle hier sind froh, wenn du endlich weg bist. Hast uns viel zu lange genervt.“ Sandra warf eine Nuss in seine Richtung.
Kurz wurde es still am Lagerfeuer. Es war der letzte gemeinsame Abend in dieser Konstellation. Die meisten von ihnen waren mit dem Studium fertig, nur Jörg hatte noch ein Semester vor sich. Sie würden auseinander gehen. Die anderen hatten Jobs quer über die Republik verteilt gefunden. Markus nicht, er wollte eine Pause einlegen und reisen, weit reisen.

Die Sehnsucht nach der Ferne war nicht plötzlich gekommen, sie hatte sich über die Zeit aufgebaut. Es hatte mit der Lektüre eines Lonely Planet Reiseführers angefangen und war dann zur Sucht geworden. Nächtelang hatte er sich auf verschiedene Kontinente gelesen. Afrika hatte es ihm besonders angetan. Die Reiseberichte beschrieben weite Landschaften ohne Menschen, dafür mit vielen Tieren. Der Himmel habe ein anderes Blau, generell sei das Licht ganz anders. Je mehr er las, desto größer wurde die Sehnsucht in ihm. Doch sein Studium hielt ihn zurück. Zeitlich hätte er eine Fernreise einrichten können, finanziell nicht. Deshalb hatte er sich im dritten Semester einen Job gesucht und jede Mark zurückgelegt, die er verdient hatte. Mittlerweile war eine ordentliche Summe zusammengekommen, mit der er ein halbes Jahr entspannt auskäme, wenn er das Geld nicht verschleuderte. Seine Reise würde ihn nach Johannesburg führen und von dort durch das gesamte Land. Um seine Ersparnisse zu schonen, wollte er unterwegs arbeiten. Work and Travel war ein neuer Trend, den immer mehr junge Menschen nutzten, um fremde Länder zu bereisen, auch wenn sie wenig Geld hatten.

Seine Freunde fanden es schade, dass sie sich dann sehr lange nicht mehr sehen würden. Vielleicht nie wieder, wenn man den Kontakt verlor. Trotzdem hatten sie sich mit ihm gefreut.
„Keine Sorge“, hatte Martin gesagt. „Ich habe mein Adressbuch. So lange das in meinem Besitz ist, entkommt ihr mir nicht. Eure neuen Adressen stehen auch schon drin. Ihr bekommt Post von mir. Wenn ich wieder da bin, organisieren wir ein Treffen.“
„Hoffentlich“, sagte Eva. „Es war eine wunderschöne Zeit. Ich will euch auch in Zukunft regelmäßig sehen.“ Ihre Stimme wurde brüchig.
„Mich behältst du auf jeden Fall“, versuchte Markus sie aufzumuntern.
„Toll“, entgegnete Eva. „Ausgerechnet dich. Das kann ich ja nun wirklich nicht gebrauchen.“
„Hättest du dir vorher überlegen müssen.“
„Lasst uns auf die letzten Jahre trinken“, Sebastian erhob seine Flasche. „Auf tolle Freunde, grandiose Feste und ein Studium, das nicht allzu sehr darunter gelitten hat.“
„Bei einigen schon“, lachte Markus und grinste Jörg an.
„Schnauze, das ist freiwillig. Ich will meine Bildung halt noch ein bisschen ausweiten, bevor ich in dieses berühmte echte Leben eintauche.“ Das ‚echte’ malte er in Anführungszeichen.
„Vielleicht hättest du auch einfach nicht mit der Physiologie-Dozentin schlafen sollen. Dann wärst du jetzt schon fertig.“
„Alles Gerüchte. Es gibt keine Beweise dafür.“
„Klar. Bis auf die Fotos, die am schwarzen Brett hingen.“

Es war ein riesiger Skandal gewesen. Jörg hatte mit seiner Dozentin angebandelt. Wie es anfing, wusste er nicht mehr. Er meinte aber, es sei einer der berühmten Glühweinabende gewesen. Zwei Monate später tauchten auf einmal Fotos von den Beiden auf. Sehr intime Fotos. Die Dozentin hatte die Uni gewechselt, Jörg war von den Kommilitonen gefeiert worden. Das war ihm unangenehm gewesen. Es war nicht die große Liebe gewesen, aber eine solche Behandlung hatte die Frau nicht verdient.

„Immerhin nicht so peinlich, wie im Reckschwung auf die Matte zu kotzen“, entgegnete er in Sebastians Richtung. Der sah seine Bierflasche an und tat, als hätte er nichts gehört. Martin musste laut lachen und verschluckte sich an seinem Bier. Sein Gesicht lief tiefrot an und er prustete den Inhalt seiner Flasche ins Feuer.
„Genau so sah das damals aus“, rief Markus.

Sie waren alle feiern gewesen. Eine der berühmten Fachschaftspartys, die selten mit weniger als dem Gedächtnisverlust endeten. Am nächsten Morgen stand Turnen auf dem Stundenplan. Unglücklicherweise hatten Martin, Markus und Sebastian ihre Fehlstunden schon aufgebraucht. So hatten sie keine andere Wahl als zum Kurs zu gehen. Um acht Uhr morgen waren sie im Kurs aufgetaucht. Ohne Kater, aber noch vollkommen betrunken. Reck war das Thema der Einheit. Die erste Stunde ging alles gut, dann wurde es Sebastians Magen zu viel. Während er in vollem Schwung an der Stange hing, brach es aus ihm heraus. Wie beim Exorzisten spie er seinen gesamten Mageninhalt über alle Matten. Die Halle wurde in absolute Stille getaucht. Der Dozent, ein ehemaliger Feldwebel der Bundeswehr, stand wie versteinert da. Dann passierten zwei Dinge gleichzeitig. Der gesamte Kurs fing an zu schreien, die einen vor Ekel, die anderen vor Lachen. Der Dozent schrie auch, allerdings vor Wut.
Sebastian kam aus der ganzen Angelegenheit mit einer Verwarnung raus. Er musste putzen und eine Matte ersetzen, die nicht mehr zu retten war. Am Ende des Semesters hatte er die Prüfung trotzdem bestanden. Er wusste selber nicht wie.

Das Schwelgen in Erinnerungen mit seinen Freunden bereitete Martin ein ungutes Gefühl in der Magengrube. So schön es jetzt war, es würde nie wieder so sein. Diese einmalige Zeit ging zu Ende. Sie alle würden sich verändern, in unterschiedliche Richtungen. Das war der Lauf des Lebens. Ihm war es wichtig, dass sie in Kontakt blieben. Dafür hatte er sein Adressbuch. Es war etwas heiliges, dort waren alle seine Kontakte eingetragen. Eigentlich hatte er noch eine Kopie anfertigen wollen, war aber zu faul gewesen alles abzuschreiben. Vielleicht hätte er gleich noch Zeit dafür, bevor er zum Zug musste.

Es würde knapp werden. Um fünf Uhr ging sein Zug in Richtung Frankfurt, von dort würde er den Flieger nach Johannesburg nehmen. Dann fing sein neues Leben an. Um den Zug sicher zu bekommen, musste er hier um vier Uhr los. Seinen Rucksack mit allen Sachen für die nächsten Monate hatte er wohlweislich schon dabei. Er hatte aus seinen Fehlern gelernt.
Wie auf’s Stichwort sagte Sandra: „Sag mal Martin, hast du diesmal eigentlich alle Sachen dabei? Oder reichen dir wieder eine Hose und ein T-Shirt?“

Es war in den Semesterferien zwischen dem dritten und vierten Semester gewesen. Er wollte mit seiner damaligen Freundin Svenja in den Urlaub fliegen. Eine absolute Ausnahme, denn eigentlich sparte er das Geld für eine längere Reise.
Auf ein Bier hatte er sich noch mit Markus und Jörg getroffen. Svenja war zu Hause geblieben, sie wollte sich für den Flug ausschlafen. Er hätte es besser wissen müssen.
Aus dem einen Bier wurden zehn und am Ende lag er vollkommen betrunken auf dem Sportplatz der Uni. Neben ihm lagen seine Freunde. Als die Sonne aufging, schreckte er aus seinem Halbkoma hoch.„Verdammt, wie spät ist es?“
„Fünf Uhr.“
„Scheisse, ich muss zum Bahnhof. Svenja wartet auf mich.“
„Alter, du hast überhaupt nichts dabei. Du musst doch noch deinen Koffer packen.“
„Keine Zeit, muss so reichen. Mehr als eine Hose und ein Shirt brauche ich nicht. Es ist warm in Griechenland.“
Seine Freunde hatten vor Lachen nicht aufstehen können. Er war zum Bahnhof gerast und hatte Svenja gerade noch erwischt. Auch sie hatte ihn gefragt, warum er nichts dabei habe. Das waren die letzten Worte gewesen, die sie gewechselt hatten. Den gesamten Urlaub über hatte sie nicht mit ihm gesprochen und sich danach direkt von ihm getrennt.

Martin zeigte auf seinen Rucksack. „Alles dabei, ich lerne aus meinen Fehlern. Obwohl diesmal niemand dabei ist, der mir deswegen böse sein könnte.“ Er lachte. „Gib mir noch ein Bier. Keine Ahnung, ob die da unten was vernünftiges zu trinken haben.“
„Wein können die doch gut, oder?“, meinte Eva.
„Wein?!“ Martin verzog das Gesicht. „Nicht dein Ernst?!“
„Prolet.“
Sie fütterten das Feuer regelmäßig mit Holz und sich selber mit Alkohol. Niemand hatte für diesen Abend etwas Spezielles geplant. Sie wollten einfach ihr letztes Beisammensein genießen. Die Zeit verging, gefüttert mit Geschichten aus den vergangenen vier gemeinsamen Jahren. Wieder spürte Martin den Klumpen in seinem Bauch. Diese Menschen waren seine Familie geworden. Er hatte mehr Zeit mit ihnen verbracht als mit seiner leiblichen Familie. Er würde sie vermissen.
Beiläufig sah er auf seine Uhr. Sein Herz setzte einen Schlag aus. Elf Uhr. Das konnte nicht sein. Sie waren um zehn Uhr erst hierhin gekommen.
„Ey, wie spät ist es? Meine Uhr ist stehengeblieben.“
Eva sah auf ihre Uhr. „Halb fünf. Wolltest du nicht um vier los?“
„Scheisse, scheisse, nicht schon wieder.“
Sandra brach in lautes Gelächter aus, gefolgt von den anderen.
„Man, du schaffst es auch immer wieder.“ Tränen liefen ihr über die Wangen, sie musste sich den Bauch halten.
„Lacht nicht so dämlich. Helft mir lieber. Los jetzt!“
Die anderen standen auf und halfen ihm, seine Sachen zusammenzusuchen.
„Wie kommst du überhaupt zum Bahnhof?“, fragte Sebastian.
„Mein Fahrrad steht oben an der Straße. Das lass ich am Bahnhof. Irgendwer freut sich bestimmt drüber.“
Er zog den Riemen an seinem Rucksack fest und sah seine Freunde an. So hatte es nicht enden sollen. Er wollte sich eigentlich ordentlich verabschieden. Vielleicht war es aber wie mit einem Pflaster. Schnell weg tat weniger weh.

Er blickte in die Runde und alle wurden still. Die Besonderheit des Augenblicks war ihnen trotz der vielen Biere bewusst. Sandras Augen wurden feucht, Martins auch. Nacheinander nahm er sie alle still in den Arm.
„Es war eine wundervolle Zeit mit euch. Ihr seid die besten Freunde der Welt. Ich habe eure Adressen, ich melde mich.“
Bevor es noch trauriger wurde, drehte er sich um und ging zu seinem Fahrrad. Von der Straße winkte er seinen Freunden ein letztes Mal zu.
Die anderen gingen zurück zum Lagerfeuer. Die Stimmung war gedrückt, deshalb räumten sie auf und gingen nach Hause. Sie hinterließen einen Ort, der die letzte gemeinsame Nacht einer Gruppe von Freunden erlebt hatte, die nun alle ihrer Wege ziehen würden.

Als die Sonne aufgegangen war, beschien sie die Feuerstelle und das umliegende Gras, wo die Freunde in der Nacht ein letztes Mal in Erinnerungen verbracht hatten. Neben den Resten des Lagerfeuers lag Martins schwarzes Adressbuch.


Bildquelle:
Ali Yahya | Unsplash, CC0


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