Besser Arbeiten

Wie du dich selber nicht so wichtig nimmst und dadurch wirklich gut in deinem Job wirst

Leinwandstrategie

Da stand ich nun mit meinem Uni-Abschluss.

In der einen Hand hielt ich mein Zeugnis, in der anderen meinen ersten Arbeitsvertrag. Eigentlich müsste ich mich freuen.

Ich hatte einen Job bei Deutschlands größter Sportmarketing-Agentur bekommen, die ihren Sitz in meiner Lieblingsstadt Hamburg hat.

Damit hatte ich den Jackpot gezogen, denn die Position war herausfordernd und mit guten Aufstiegschancen versehen. Zudem konnte ich viel selber gestalten. Ein Job also, wie ich ihn mir gewünscht hatte.

Wäre da nicht die Bezahlung gewesen. Für meinen Abschluss war das Gehalt zu niedrig, dachte ich damals.

Ich war ein Opfer meines eigenen Egos geworden.

Dein Ego ist dein Feind

Ryan Holiday behandelt dieses Phänomen ausführlich in seinem Buch „Dein Ego ist dein Feind“. Dort stellt er auch die Leinwandstrategie vor.

Der dahinterstehende Gedanke hat mich sofort angesprochen. Vielmehr noch, ich habe mich direkt schuldig gefühlt. Fast mein ganzes bisheriges Berufsleben hatte ich alles falsch gemacht, was Holiday in seinem Buch anprangert.

Die Leinwandstrategie

Die Leinwandstrategie beruht auf einem Brauch aus dem alten Rom.

Erfolg- und einflussreiche Menschen förderten Autoren, Schauspieler und Künstler aller Art. Die Förderer unterstützten die zumeist jungen Männer mit einer Unterkunft, Nahrung und einem kleinen Auskommen.

Im Gegenzug erstellten die Künstler Werke und gingen ihren Herren bei verschiedenen Aufgaben zur Hand. Unter anderem fungierten sie als Anteambulo. Ein Anteambulo lief vor seinem Herrn durch die Straßen um Platz zu machen und Mitteilungen weiterzugeben.

Er bereitete die Leinwand vor, auf der sein Herr sein Leben ausbreiten konnte.

Da sich nur wohlhabende Personen ein solches Engagement leisten konnten, waren die Geförderten häufig mitten drin in den Zentren von Finanz, Wissenschaft und Politik. Neben den materiellen Vergütungen erhielten sie auch Einblicke, die vielen anderen verborgen blieben.

Einige von ihnen wussten das zu schätzen, andere kamen sich wie Sklaven vor. Anstatt die seltene Chance zu erkennen, die sich ihnen bot, waren sie frustriert und fühlten sich ausgenutzt. Sie ließen sich von ihrem Ego übermannen, anstatt die langfristigen Möglichkeiten zu sehen.

Viele bedeutende Menschen sind durch eine ähnliche Schule gegangen. Sie alle haben gemein, dass sie auf kurzfristigen Erfolg und Lohn verzichteten, um langfristig besser zu werden und Großes schaffen zu können. Berühmte Beispiele sind Benjamin Franklin, Michelangelo und Leonardo da Vinci.

Sie alle lernten und schufen zunächst, ohne sich selber in den Vordergrund zu stellen. Erst mit der Zeit rückten sie ins Rampenlicht und waren dann umso besser und beeindruckender in ihrer Tätigkeit.

Das Beispiel Bill Belichick

Ich habe während meines Studiums American Football gespielt und identifiziere mich deshalb besonders Bill Belichick, dem Trainer der New England Patriots. Belichick hat fünfmal den Super Bowl gewonnen und ist ein Trainer-Genie.

In Bezug auf die Leinwandstrategie ist es interessant, sich den Weg zu Beginn seiner Karriere anzusehen.

Belichick fing als unbezahlter Assistent bei den Baltimore Colts an. Er hatte eine Aufgabe identifiziert, die sonst keiner gerne machte: das Analysieren von Spielvideos.

Also schnappte er sich die Aufnahmen und fertigte sehr detaillierte Analysen der zukünftigen Gegner an. Er verbrachte Stunden in einem kleinen Raum ohne Fenster, nur beleuchtet von den Bildschirmen vor ihm. Dafür bekam er keinen Cent.

Schnell erkannten seine Vorgesetzten, was für ein Talent sie dort in ihren Reihen hatten und gaben ihm mehr und mehr Aufgaben. Bei seinen Fähigkeiten blieb die Bezahlung nicht lange aus.

Diese Vorgehensweise – das Übernehmen von Aufgaben, die wichtig sind, die aber keiner machen will – machte ihn zu einem Experten auf seinem Gebiet und zu einem der besten Trainer aller Zeiten.

Belichick hatte aber noch eine zweite Herangehensweise, die ihm zugute kam. Er ließ seinen jeweils vorgesetzten Trainer immer im besten Licht dastehen. Wenn er mit einer Entscheidung oder Aussage nicht einverstanden war, posaunte er dies nicht vor allen anderen heraus.

Vielmehr ging er zu dem Trainer und sprach unter vier Augen mit ihm. Dabei legte er seine Meinung dar, ohne den Vorgesetzten zu verärgern. Im Gegenteil, er ermöglichte dem Trainer sogar, die neue Sichtweise vor dem Team als seine eigene zu verkaufen.

Belichick hatte die Leinwand geschaffen, auf die andere malen konnten.

Mein größter Feind

Zurück zu mir nach Hamburg.

Damals kannte ich Ryan Holiday und seine Ego-Theorie noch nicht, sonst wäre ich mit einer anderen Einstellung an meinen ersten Job herangegangen.

Klar, im Vergleich zum Durchschnitt verdiente ich weniger. Dafür hatte ich aber nicht nur einen Fuß, sondern gleich ein ganzes Bein in die Tür einer stark umkämpften Branche bekommen. Ich konnte viel von erfahrenen Leuten lernen, denn als Neuling wurde ich immer wieder zu großen Verhandlungen mitgenommen.

Das alles sah ich damals nicht. Ich hatte nur das kurzfristige Geld im Sinn, anstatt den langfristigen Nutzen zu sehen. Tatsache war es genau die Zeit bei diesem Arbeitgeber, die mir später noch die ein oder andere Chance eröffnet hat.

Mit der Zeit werden die Menschen klüger.

Ich nicht.

Als Selbstständiger bin ich wieder in dieses Ego-Denkmuster verfallen.

Zu Beginn dachte ich: Ich erledige eine Aufgabe und dafür werde ich bezahlt. Schlecht bezahlt.

Das war das alte Ego-Denken, in dem ich das Opfer war, dem Unrecht getan wurde.

Verdienen kommt von Dienen

Mittlerweile sehe ich das Ganze anders.

Ich schreibe, damit ihr Unternehmen in einem guten Licht dasteht und sie mit ihrem eigentlichen Produkt glänzen können. Ich gestalte die Leinwand, auf der sie ihr Können präsentieren und werde so zu ihrem Anteambulo.

Das viele Schreiben hat dabei noch einen anderen Vorteil. Mit jedem Text, den ich schreibe, werde ich besser. Für diese Tätigkeit bekomme ich Geld. Ich kann auch sagen: Ich werde für das Üben bezahlt.

Und es funktioniert.

Einer meiner Auftraggeber hat den Lohn um 10%, ein anderer sogar um 60% erhöht. Der kurzfristige Verzicht hat sich mittelfristig ausgezahlt.

Um wirklich gut in einer Sache zu werden, bedarf es langer Übung. In dieser Zeit kannst du nicht erwarten, die erste Geige zu spielen. Nimm in dieser Zeit dein Ego zurück und du wirst sehen, es zahlt sich aus.

Menschen mögen es, wenn ihre Arbeit Anerkennung findet. Je mehr Menschen du durch eine gut vorbereitete Leinwand zu Anerkennung verhilfst, desto mehr Leute werden deine Arbeit zu schätzen wissen. Sie werden dich weiterempfehlen oder besser entlohnen.

Das Zurücknehmen des eigenen Egos für eine gewisse Zeit zahlt sich so langfristig aus. Das mag weh tun, die Belohnung ist dafür umso schöner.

Oder, wie ich es in mein Abi-Buch geschrieben habe: Wer den Honig schmecken will, muss das Stechen der Bienen ertragen können.

Lass es dir gut gehen,

Stephan

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