Besser Arbeiten

Gig Economy: Chance oder Risiko?

Zukunftsweisendes Arbeitsmodell oder breit angelegte Einführung von prekärer Arbeit?
Bei der Gig Economy gibt es erstaunlicherweise fast keine Grauzone. Entweder man ist dafür oder dagegen. Auch ich habe mich für eine Seite entschieden.

 

Was ist die Gig Economy überhaupt?

Der Begriff Gig kommt ursprünglich aus dem Musik-Business. Dort werden einzelne Auftritte von Künstlern als Gig bezeichnet. Der Musiker spielt sein Programm und wird dafür bezahlt. Für jeden Auftritt einzeln und auch nur, wenn der Auftritt stattfindet.
Meistens jedenfalls. Robbie Williams spielt zwar auch Gigs, aber bei dem läuft das mit dem Bezahlen etwas anders ab.

Der Begriff Gig hat sich vor einigen Jahren seinen Weg in die Arbeitswelt gebahnt. Da solche kurzfristigen Gigs mit der Zeit immer mehr wurden, hat sich daraus die Gig Economy entwickelt.

„A gig economy is an environment in which temporary positions are common and organizations contract with independent workers for short-term engagements.“ (WhatIs.com)

„A labour market characterised by the prevalence of short-term contracts or freelance work, as opposed to permanent jobs“. (BBC)

Die Definitionen mögen unterschiedliche Worte benutzen, einig sind sie sich aber darin, dass bei einer Gig Economy die kurzfristige, auftragsbasierte Arbeit im Vordergrund steht. Damit bildet sie ein Gegengewicht zur traditionellen Festanstellung.

 

Gig Economy über Plattformen

Gerade in Deutschland wird der Begriff Gig Economy häufig mit Vermittler-Plattformen in Verbindung gebracht. Uber, Textbroker und Deliveroo sind nur einige der Namen, über die dort gesprochen wird.
Auf diesen Plattformen bieten Auftraggeber einen Job an (Taxifahrt, Text schreiben, Essen ausliefern) und verschiedene Auftragnehmer bewerben sich um diesen Job. Bei einigen Plattformen ist es so geregelt, dass der erste Bewerber auch automatisch den Job bekommt. Bei anderen kann der Auftraggeber noch auswählen.

Die Gig Economy ist aber nicht mit zwangsläufig mit einer Plattform verknüpft. Auch außerhalb der bekannten Vermittlungsbörsen werden tagtäglich tausende von kleinen und größeren Auftragsarbeiten vergeben.
Meistens sogar zu besseren Konditionen.

 

Wer nutzt die Gig Economy?

Diese Frage muss man von zwei Seiten betrachten – einmal vom Auftraggeber und vom Auftragnehmer.

Auftraggeber

Bei den Auftraggebern finden sich alle Typen von Unternehmen, genauso wie alle Sorten von Privatleuten wieder. Wer etwas zu erledigen hat, kann eine Plattform nutzen. Oder einen Zettel im Supermarkt aushängen. Das ist dann Plattform analog.

Große Unternehmen arbeiten auf diese Weise gerne mit High Professionals zusammen, die sie ansonsten nicht bezahlen können oder wollen.

Das Start-Up von nebenan braucht ein gutes Logo, will aber keinen Grafiker einstellen? Dann ab auf die Gig-Plattform und den besten Bewerber auswählen.

Oma Lise kann ihren Garten nicht mehr selber mähen? Zettel ans Schwarze Brett im Supermarkt und schon meldet sich jemand.

Auf Auftraggeberseite ist das Spektrum also sehr weitläufig. Jeder, der eine Aufgabe zu erledigen hat, die er nicht selber erledigen kann oder will, sucht sich einen Gig Worker.

Auftragnehmer

Auch auf Auftragnehmerseite gibt es verschiedene Gruppen von Menschen. Oma Lises Rasen wird wahrscheinlich der Nachbarjunge mähen und sich so sein Taschengeld aufbessern.

Die Grafikarbeit für das Start-Up ist für mehrere Leute interessant. Design-Studenten, oder generell Studenten mit Kenntnissen in Bildgestaltung, werden sich für diesen Job interessieren. Viele finanzieren durch solche Gigs ihr Studium. Das gilt gleichwohl für fast alle Fachbereiche. Am besten verdienen dabei – Überraschung – die Informatiker.

Das Erstellen des Logos ist aber auch für den klassischen Freelancer interessant. Freiberufler leben häufig von vielen solchen kleinen Aufträgen. Ich weiß, wovon ich da rede.

Die Stelle beim Groß-Unternehmen wird wahrscheinlich mit einem Experten in dem geforderten Bereich besetzt. Diese Experten laufen rein formal auch unter Freiberuflern. Durch ihren Status und ihren Ruf können sie aber ein Vielfaches mehr an Gehalt aufrufen als die klassischen Freelancer. Das lohnt sich für die Unternehmen immer noch, da sie nur den Lohn und keine weiteren Nebenkosten zahlen müssen. Zudem wird der Gig Worker nur dann (teuer) bezahlt, wenn er gebraucht wird.

Entwicklung der Gig Economy

Eine Studie im Auftrag des amerikanischen Software-Unternehmens Intuit ergab, dass bis 2020 voraussichtlich 40% der Amerikaner in der Gig Economy arbeiten werden.
Für Deutschland gibt es ähnlich Zahlen, die besagen, dass bis 2030 50% der arbeitenden Bevölkerung Freiberufler sind.

Ist die Gig Economy also ein Risiko oder eine Chance?

Ich sehe die Gig Economy als Chance. Dabei kann ich aus persönlicher Erfahrung beide Seiten betrachten.

Sicht als Unternehmer

Als Unternehmer habe ich schon häufiger Jobs auf diversen Plattformen ausgeschrieben. Mein Business-Modell sieht keine eigenen Angestellten vor, ich kann aber auch nicht alles selber machen. Für diese Aufgaben habe ich mir dann Freelancer gesucht. Das ist für mich ein riesiger Vorteil, weil ich flexibel bleibe und trotzdem gute Qualität bekomme. Jedenfalls wenn ich einen entsprechenden Preis zahle. Wenn ich nur fünf Euro für ein Logo ausgeben will, dann sieht das halt auch genauso aus.

Sicht als Freelancer

Als Freelancer kenne ich aber auch die andere Seite. Und die ist nicht so schön – jedenfalls wenn man die großen Plattformen nutzt. Ich habe mein Schreiben bei Textbroker begonnen. Ich WUSSTE, dass das nicht gut ist und habe es trotzdem getan. Einige Erfahrungen muss man halt selber machen. Mein Stundenlohn bei diesen Aufträgen hätte Frau Nahles die Schamesröte ins Gesicht getrieben. Selbst mit zweimal Komma verschieben war ich noch unter dem Mindestlohn.

Daran war ich aber selber schuld. Wer einen Auftrag über 1.500 Wörter zum Fixpreis von 3,56 Euro annimmt, der darf sich nicht beschweren.

Du bist verantwortlich

Hier sehe ich übrigens noch einen Vorteil der Gig Economy, der meiner Meinung nach viel zu selten beleuchtet wird. Du bist selber für deinen Stundenlohn verantwortlich. Natürlich kannst du meckern, wie wenig die Leute zahlen wollen. Habe ich auch gemacht.

Du hast es aber selber in der Hand, diesen Zustand zu ändern.

Weg von den großen Plattformen

Der erste Schritt ist, weg von den großen Plattformen zu gehen und woanders nach Jobs zu suchen.

Ich nutze zum Beispiel noch gerne die DNX-Jobbörse. Anbieter und Arbeiter haben dort häufig ähnliche Wertvorstellungen und Lebensentwürfe, was zu einem gesunden Miteinander ohne Ausbeutung führt. Leider sind solche Seiten noch rar gesät.

Stetige Weiterbildung

Noch wichtiger ist aber, sich stetig weiterzubilden. Je besser du wirst, desto mehr kannst du für deine Tätigkeit verlangen und desto mehr wirst du auch bekommen. Es gibt noch viele Auftraggeber, die echte Qualität schätzen.

Der riesige Vorteil bei der Gig Economy ist, dass deine Zeugnisse und Urkunden zweitrangig sind. Dein Können ist entscheidend und das drückt sich nicht in einem Stück Papier aus. Zeig dem Auftraggeber was du kannst und warum du besser bist. Dann bekommst du auch bessere Stundenlöhne.

Zeitliche Flexibilität

Für mich persönlich ist das Dasein als Gig Worker aus einem weiteren Grund im Moment das genaue Richtige: Ich kann arbeiten wann ich will (und wo). Wenn ich drei Tage Kitesurfen gehe, nehme ich in der Zeit halt keine Jobs an. Bin ich wieder zu Hause und habe zu viel Geld für Bier am Strand gelassen, suche ich mir möglichst viele Jobs.

Diese Freiheit ist es auch, die viele Freiberufler zu kurzfristigen Gigs treibt. Sie können sich ihre Zeit so maximal frei einteilen. Ein Luxus, den vor allem viele junge Leute immer mehr zu schätzen lernen.

Ist die Gig Economy also der heilige Gral der Zukunft der Arbeit?

 

Die Schattenseiten der Gig Economy

Auch bei der Gig Economy hat die Medaille zwei Seiten.

Ich habe gerade so schön geschrieben: „Dann suche ich mir möglichst viele Jobs.“ Gut gebrüllt Löwe!
Problem: Es gibt nicht immer Arbeit. Gerade die Sommermonate sind häufig von einer Flaute geprägt. Die Unternehmen sind in den Werksferien oder im Urlaubsmodus. Alle anfallenden Arbeiten können von den Festangestellten erledigt werden, Freiberufler sind überflüssig.

Miete muss ich trotzdem zahlen, die macht keine Sommerpause.

So kann ganz schnell mal ein Ungleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben entstehen. Mit vernünftiger Planung und etwas Weitsicht kann man das allerdings umgehen.

Es sei denn, die Sommerpause endet für dich nicht mehr. Sei es, weil das Unternehmen keine Aufträge mehr hat. Sei es, weil sie einen Besseren oder Günstigeren gefunden haben. In so einer Situation bist du erst mal machtlos. Du bist Freiberufler, du hast keinen Kündigungsschutz oder ähnliches.

Dramatisch kann es werden, wenn dann noch eine Krankheit dazukommt. Ein paar Tage mit Magen-Darm oder einer Grippe wirst du finanziell noch überstehen (gesundheitlich bestimmt auch). Falls du aber mal ernsthaft krank wirst oder dich verletzt, gibt es erstmal keine Lohnfortzahlung wie bei einem Angestellten. Dann heisst es: Keine Arbeit, keine Kohle.
(Das Zauberwort hier heißt übrigens Krankentagegeld. Frag mal deine Versicherung.)

 

My point of view

Die Betrachtung beider Seiten hat die BBC schön auf den Punkt gebracht: „And – taking opposing partisan viewpoints – it is either a working environment that offers flexibility with regard to employment hours, or… it is a form of exploitation with very little workplace protection.“

Für mich in meiner jetzigen Situation überwiegen ganz klar die Vorteile der Gig Economy. Deshalb bleibe ich dabei: Ich mag diese Form der Arbeit. Sie ermöglicht mir ein hohes Maß an Flexibilität und Gestaltungsspielraum.

Lass es dir gut gehen,
Stephan